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Skalecki, Liliane: Das Reithaus- und Marstall-Ensemble des Karlsberger Schlosses bei Homburg und verwandte Anlagen des 17. bis 19.Jahrhunderts. In: Saarpfalz. Blätter für Geschichte und Volkskunde 1994 (2), S.5-24.

Einer der kenntnisreichsten Hippologen des 17.Jahrhunderts, Johann Christoph Pinter von der Au, formulierte in seinem 1688 erschienenen "Pferdt-Schatz" folgende Zeilen:

"Daß in dieser Welt und zeit nichts Höheres, Stattlichers und Prächtigers zu erlangen, zu haben, zu genießen oder auszudenken möglich, in welcher Bezeigung der allerhöchste Potentat der Welt (außer seinem Thron) in größerem Ansehen und prächtigern herrlichkeit erscheinen kann als wann er sich zu Pferd oder zu Wagen befindet, bezeuget die göttliche Zulassung und verordnung, wann Gott den gläubigen Königen (so er wegen der vertrauten Regierung seines eigenen Volkes auch für die Höchsten und Größten der ganzen Welt hält und gehalten haben will) verheißet, daß sie sich in solchen hohen Fällen der Pferde in Reiten und Fahren gebrauchen, herrlich und prächtig aus und einziehen sollen - über welche höchste Bezeigungen keine andere weltliche Bezeigungen oder Pracht nimmermehr steigen kann und wird"1.

Die Wertschätzung des Pferdes schlechthin, die in diesen Worten so großartig zum Ausdruck kommt, wird noch einmal gesteigert im Reithausbau, als steingewordene Idee, eine dem Adel des Pferdes angemessene Umgebung zu schaffen. Drei Jahrhunderte lang kamen dem Reithaus vor allem zwei bedeutende Aufgaben zu: zum einen war es Ausbildungsort - Schule - für Pferd und Reiter, zum anderen war es Festsaal und Stätte höfischen Vergnügens.

Als Ort der Ausbildung kam dem Reithaus eine wesentliche Rolle im Gestüts- wie im Kasernenbau zu. Seinen Unterhaltungswert bewies es seit dem 16.Jahrhundert als wichtiger Bestandteil im Univer- sitätsbau und vor allem dann im 19.Jahrhundert bis in unsere Zeit als Sportstätte des reitfreudigen Bürgers.

Die wichtigsten Vertreter der Bauaufgabe Marstall/Reithaus finden sich jedoch im Residenzzusam- menhang, wo sie - obwohl heute als Bauten meist verschwunden oder bis zur Unkenntlichkeit umgebaut - fast nie fehlten. Diese Bauaufgabe gehörte mit zu den wichtigsten einer jeden Schloßanlage2.

Daß das Pferd seit Jahrhunderten auch als Wertobjekt betrachtet wurde, braucht nicht speziell hervorgehoben zu werden, ebensowenig wie seine außergewöhnliche Rolle im Militärwesen. Bereits mit dem mittelalterlichen Kriegswesen war das Pferd untrennbar als Reittier verbunden. Seiner Zucht und Pflege wurde größte Aufmerksamkeit gewidmet. Mit der Einführung der Feuerwaffen wurde das schwere Streitroß überflüssig. Orientalisches Blut verfeinerte den Pferdeschlag zu schlankeren und wendigeren Rassen. Und mit dieser Wende entwickelte sich auch das mittelalterliche Reitturnier all- mählich zu einer verfeinerten Form: Wendungen, Drehungen und Sprünge, die ursprünglich im Kampf notwendig waren, wurden zu Kunstformen weiterentwickelt. Pirouette oder Capriole, heute noch Elemente der Hohen Schule der Reitkunst, wurden Bestandteile des Roßballets, zu dessen Schauplatz das Reithaus erhoben wurde3.

Wie oben erwähnt hat man der Pferdezucht seit frühester Zeit große Aufmerksamkeit gewidmet. Feste Stallungen gab es bereits seit dem Mittelalter, jedoch wird das Reithaus erst im späten 18.Jahrhundert fester Bestandteil einer Gestütsanlage. An dieser Stelle zusätzlich eine weitergehende Einführung zum Gestütswesen zu geben, würde den Rahmen dieser kleinen Untersuchung natürlich sprengen4. Es sei nur soviel gesagt, daß seit dem Mittelalter Stutereien nachweisbar sind. Vor allem nach dem 30-jährigen Krieg, der einen großen Verlust an Pferden mit sich brachte, hat man zahlreiche Gestüte neugegründet. Im 18. Jahrhundert wurde ein entscheidender Schritt durch die Einrichtung der konzentrierten Landespferdezucht getan, d.h. an einem Standort - dem Hauptgestüt- stehen ausgesuchte Deckhengste zur Verfügung. Dies kam in der Hauptsache kleineren Züchtern zugute, die so nun ebenfalls qualitätvolle Fohlen aufziehen konnten. Ebenfalls im 18.Jahrhundert entwickelte sich dann auch das Reithaus zum festen Bestandteil einer Gestütsanlage. Reinen Nutzzwecken gehor- chend, wie dem Bewegen der Pferde, dem Vorstellen beim Verkauf oder dem Deckvorgang, war das Aussehen der Gestütsreithäuser innen wie außen eher schlicht.

Eine der besten Pferdezuchten auch des 18.Jahrhunderts ist in unserer Region entstanden. Es handelt sich um das ehemalige Gestüt der Herzöge von Pfalz-Zweibrücken in Zweibrücken, wo unter anderem die Pferde für den herzoglichen Marstall auf dem Karlsberg in Homburg gezogen wurden5.

Nach den Zerstörungen des letzten Weltkriegs ist uns baulich vom Zweibrücker Gestüt zwar nichts mehr erhalten, jedoch ist diese Anlage sicherlich aus regionalgeschichtlicher Sicht von Interesse.

Bereits im 16.Jahrhundert - dies geht aus alten Klosterrechnungen hervor - haben die Klöster Wörschweiler und Hornbach für die Zweibrücker Grafen Pferdezucht betrieben6. Der Unterbringung vor allem der herzoglichen Gebrauchspferde dienten - vor dem Bau des großen Marstalls auf dem Karlsberg bei Homburg, der an anderer Stelle besprochen wird - mehrere Stallungen im Herzogtum. Unter Herzog Wolfgang wurde wohl nach 1563 in Zweibrücken ein Marstall errichtet. Er war in einer Ecke des Residenzschlosses untergebracht und maß ca. 40 zu 80 Meter7. Ebenfalls unter Herzog Wolfgang wurde der Marstall des Schlosses in Bergzabern errichtet; dem eigentlichen Schloßbau wurde 1579 ein Wirtschaftshof angegliedert, der, neben den Pferdestallungen, auch Küche, Backhaus und eine Silberkammer aufnahm8. Sicherlich einen Marstall erhielt auch das ab 1722 unter Herzog Gustav Samuel Leopold errichtete Residenzschloß in Zweibrücken. Wo dieser genau lag, ist jedoch unbekannt.

1755 wurde unter Herzog Christian IV. das Landgestüt Zweibrücken gegründet. Unterkunft fand es in der ehemaligen Kaserne der Leibgarde zu Pferd. 1771/74 baute man ein Reithaus in diesen Kom- plex ein9. In diesen Stallungen standen über 100 Gestütspferde, deren Namen in einer Liste von 1779 aufgeführt sind. Ergänzend wurde dazu - in den 1750er Jahren - der Eichelscheider Hof bei Homburg zu einem Gestütshof mit hufeisenförmig angeordneten Stalltrakten umgebaut. Ein großer Teil dieser Anlage hat sich - im Gegensatz zu den Zweibrücker barocken Bauten - erhalten.

Nachdem die Franzosen das Herzogtum Zweibrücken 1793 in ihren Besitz gebracht hatten, brachten sie die meisten Pferde nach Rozières in der Nähe von Nancy. Unter Napoleon verlegte man 1806 das Gestüt wieder nach Zweibrücken, nun als "Haras Imperial", als Kaiserliches Gestüt. Doch bereits acht Jahre später mußten die Franzosen die Pfalz wieder freigeben, abermals unter Mitnahme eines Teils der wertvollsten Zuchttiere. Ein weiterer Teil der Pferde wurde dann u.a. in das Gestüt von Neustadt a.d.Dosse gebracht. 1816 fiel die Pfalz an Bayern; das Zweibrücker Gestüt bestand nach wie vor, doch war das wertvollste Zuchtmaterial verloren.

Welche Nachrichten nun gibt es zu den Gestütsbauten seit 1793?

Nach der Einrichtung zum "Haras Imperial" wurde unter anderem als Gestütsräumlichkeit das 1793 zerstörte Petit Palais der Gräfin Forbach, errichtet von Pierre Patte in der Nähe des Residenzschlos- ses, zur Verfügung gestellt. Die Pläne zum Umbau der Gebäude lieferte am 12. Mai 1808 der Architekt des Departements Donnersberg Heurion. Davon hat sich allein der Grundriß erhalten hat (heute Archiv des Landwirtschaftsministeriums Rheinland/Pfalz). Dieser Plan zeigt das ehemalige Corps de Logis des Petit Palais, das zum Verwalterhaus eingerichtet wurde. Flügel des Nebenhofes und ein neuerbauter Flügel wurden zu Stallungen eingerichtet. Das von Mannlich erbaute Hoftheater neben dem Petit Palais funktionierte man zur Reithalle um, man verbreiterte dafür den Raum um 2,90m. Nach Übernahme durch die Bayern bat am 26.Januar 1839 die Verwaltungskommission des Gestüts die bayerische Regierung um ein neues Stallgebäude und um ein Direktorenwohnhaus. Die Bauten errichtete man zwischen 1841 und 1843 nach Plänen des Zivilbauinspektors August von Voit10.

Die neue Stallung für 23 Pferde - sie bestand aus sechs Boxen und 17 Ständen - wurde direkt an den alten Teil angebaut. Sie besaß die gleiche Höhe und wurde durch eine Tür mit dem älteren Stall verbunden. Voit errichtete das Gebäude aus unverputztem, rötlichem Sandstein. Er bemerkte dazu, daß er, wegen der Weichheit des Gesteins, zu weit vorkragende Gesimse, Kanten und Gliederungen vermieden habe. Eine Fassadenansicht des neuen Stalltraktes zeigt folgendes: die Mitte nimmt ein großes Tor ein, über dem sich das Dachgesims zu einer Art Dreiecksgiebel aufbiegt. Ein Rundmedail- lon mit Pferdekopf weist auf die Nutzung des Gebäudes hin. Zu den seitlichen Achsen vermitteln flache Pilaster. Hier belichten je sechs Zwillingsfenster das Innere.

Am 14.März 1945 fiel fast die gesamte Anlage einem Bombenangriff zum Opfer.

Ebenfalls unter Herzog Christian IV. entstand in beim ab 1752 erbauten Jagdschloß Jägersburg ein Marstall11. Wie in Eichelscheid war auch hier ein großer Teil der herzoglichen Pferde untergebracht. Es handelte sich um eine Dreiflügelanlage, die in etwa 300 Meter Entfernung vom Hauptschloß errichtet worden war. Nachrichtlich bekannt ist, daß 1757 Futterkrippen geliefert werden, und 1773 faßte man den Plan, das Stallgebäude zu erweitern. Mit der völligen Vernichtung des Schlosses Jägersburg 1798 verschwand auch der Marstall.

Durch Kriegseinwirkungen wenig in Mitleidenschaft gezogen blieben die Gebäude des zu Zweibrücken gehörenden Gestütshofes Eichelscheider Hof (Abb.1). Interessant ist vor allem der Kern der Anlage, der 1755/57 entstandene hufeisenförmige Baukörper. Den Scheitel des Komplexes bildet die Tordurchfahrt, über der eine kleine Wohnung dem Zweibrücker Herzog zur Verfügung stand. Die beiden ca. 65m langen Flügel umschließen den Hof, ein schlichter Wirtschaftstrakt riegelt die Anlage nach Osten ab. Dominant wirken vor allem die wuchtigen Mansarddächer. Die architektonisch ungegliederten Wandflächen der Stallflügel lockern allein die typischen hochliegenden kleinen Fenster und die Tore auf. Die Wahl einer hufeisenförmigen Wirtschafts- oder Stallanlage ist keine Seltenheit. Vor allem der Architekt Gottfried Heinrich Krohne verwendete diese Grundrißform für die Stallungen seiner Jagdschloßentwürfe oder auch am geplanten Marstall in Eisenach.

Das wohl berühmteste Beispiel für eine Stallung mit gebogenen Flügeln ist der Marstall von Pom- mersfelden13. Dieser Komplex, geplant ab 1714, ist eine der schönsten noch intakten Stallanlagen des 18.Jahrhunderts. Errichtet wurde sie von Maximilian von Welsch für den Mainzer Kurfürsten Lothar Franz von Schönborn.

Segmenbogenförmig liegt der Marstall den drei Flügeln des Schlosses gegenüber und öffnet sich zu diesen. Mit seiner reichen Fassade ist er dem Schloßbereich zugeordnet und kaschiert die hinter ihm liegenden einfachen Viehstallungen. Die beiden gebogenen Stallflügel schließen in der Mitte einen Ovalsaal ein, der hier nicht die Reithalle birgt, sondern eine Sattelkammer. Aus einem Briefwechsel zwischen Lothar Franz und seinem in Wien lebenden Neffen, dem Reichsvizekanzler Friedrich Karl von Schönborn, geht allerdings hervor, daß auch an die Nutzung des Mittelsaals als Reitbahn gedacht worden ist. Am 13.März 1714 schreibt Lothar Franz: "in der mitten ist ein hübsch proportionirt Ovalsalet, aus welchen ich in all meine ställe rechts und links gehen, auch mir meine pferdt vorführen und reithen sehen kann". In seinem Antwortschreiben schlug Lothars Neffe die Vergröße- rung dieses Saales und die damit bessere Nutzungsmöglichkeit als Reitbahn vor: "...Wie wäre es aber, gdst. Herr, wann das mittelsalettel zugleich in die proportion einer verdeckten reitschul, welche in schlimmen wether auf dem land sehr angenehm, jedoch zu Sommer kuhlen und frischen aufenthalt gleich wie hier bei dem Grafen von pahr dienet, denen ein paar cabinettel hinzugesetzt werden könten, pour redirate de dames und umb zu zuschauen." Die Antwort auf diesen Vorschlag fiel kurz und bündig aus. Der Kurfürst schrieb: "...keine verdeckte reitschuhl hallte vor nöthig, theils wegen der uhnkosten, theils auch dass nicht gar zu viel zu reithen gibt und hallte ich schließlich vor besser, dass die weiber in den viehestall, als uff die reitschuhl gehen".

Dieser Ovalsaal, der nun also - ganz die Ausnahme - keine Reitbahn enthält, sondern höchstens dem Vorführen der Pferde diente, erhielt eine aufwendige Ausstattung mit Wandmalerein von Giovanni Franceso Marchini und Johann Rudolf Byss: zwischen Scheinarchitekturen sind in Nischen Pferde- führer mit verschiedenen Pferderassen dargestellt.

Nicht direkt in Korrespondenz zur Residenz, sondern mit platzgestaltender Funktion wurde der hufeisenförmige Marstall-Reithaus-Komplex von Gottfried Heinrich Krohne für Eisenach ab 1743 geplant. Die Lage des Residenzschlosses im Nordosten des Marktplatzes lag fest. In der Platzmitte plante Krohne einen zentralen Kirchenbau, dahinter sollte ein rechtwinkliger Dreiflügelmarstall die Ecke umklammern. Dieses Projekt wird so nicht ausgeführt. Ein halbkreisförmiger Marstall, der dann für die Nordseite des Marktes geplant war, bleibt ebenfalls auf dem Papier.

Zwischen die Kopfpavillons der Stallungen und dem als Mittelpunkt angeordneten Reithaus spannte Krohne segmentbogenförmig die Stallungen. Kolossalpilaster gliedern die Wand, eine Attikabalustrade schließt die Stallflügel ab. Einen gesteigerten Formenapparat zeigen die Kopfpavillons, deren Kolossalpilaster nun rustiziert bzw. marmoriert sind. Ein Segmentbogengiebel mit Reliefschmuck überfängt die drei mittleren Achsen und ragt in das mit einem Türmchen besetzte Pavillondach hinein. Das Reithaus greift die Gliederung mit Riesenordnung und Segmentbogenfenstern wieder auf. Hier übergreift ein nach innen geschwungener Giebel, ebenfalls mit Reliefschmuck, die drei Mittelachsen. Ein die Bewegung der Architektur nachzeichnendes Gitter grenzt im Hof die offene Reitbahn aus, wie auch ein Gitter zwischen den Kopfpavillons den Reithof zum Markt hin abschließt.

 

Kehren wir an dieser Stelle zurück zu den Bauten des Herzogs von Pfalz-Zweibrücken. Vom Zwei- brücker Gestüt aus versorgte man natürlich vor allem den herzoglichen Marstall des Schlosses Karlsberg bei Homburg16. Dieser Stallkomplex schloß sich nördlich an das Hauptpalais an. Ein Aquarell von Adolf Philipp LeClerc von 1790 (Abb.2) zeigt ganz links ist die Stallung, das Reithaus ist lediglich durch sein mächtiges Dach auszumachen. Der Marstall - errichtet ab 1778 von Mannlich unter Karl II.August - war vielleicht ursprünglich als symmetrische Vierflügelanlage angelegt worden. Dabei korrespondierte mit dem mittleren Torbau des vorderen Traktes als Zentrum des nach hinten abriegelnden Flügels das große Reithaus, das mit seinen Maßen von ca. 60 zu 25 m fast die gesamte Rückseite einnahm. Wohl mit der Verlegung eines Regiments der Husaren auf den Karlsberg, vergrößerte man den Marstall nach Norden: ein zweiter, schmälerer Hof mit umgebenden Flügeln wurde angefügt. Im Gesamten ergab sich eine Größe von 180m in der Breite, und je 80 m Länge für die Verbindungstrakte. In diesen Quertrakten lagen, wie in den Räumlichkeiten zwischen den Pavillons, die Pferdestallungen. Diese waren eingeschossig mit hochliegenden Fenstern; sie wurden aufgelockert durch zweigeschossige Pavillons, die Tordurchfahrten und Wohnungen enthielten. Das Äußere des Reithauses war wahrscheinlich in schlichten Formen errichtet worden. Es fällt vor allem, wie überhaupt der gesamte Marstall, durch seine stattliche Größe auf. Johann Christian von Mannlich merkte dazu an, daß er "un immense manège pour exercer et dresser les chevaux" errichten mußte17. Nach durch Grabungen ermittelte Eckpunkte ergab sich für das Reithaus eine Größe von 60 zu 25 Meter18.

Dank der Forschungsergebnisse von Wilhelm Weber zu Schloß Karlsberg können wir auch einen Eindruck gewinnen, mit welch großem personellem und finanziellem Aufwand eine solche Einrichtung betrieben worden ist. Nach seinen Berechnungen fanden etwa 550 bis 600 Pferde in den Stallungen Platz19. Für die Betreuung von 112 Reitpferden waren 28, für die der 100 Kutschpferde 25 Knechte angestellt. Die Kosten für Marstall und Gestüt beliefen sich auf 53000 Gulden pro Jahr, wobei der erste Stallmeister z.B. 1775 eine Besoldung von 1400 Gulden erhielt.

Wie wir wissen, sind mit dem Karlsberger Hauptpalais auch die meisten der Nebengebäude - so auch der Marstall - verschwunden. Vor seiner Zerstörung im Sommer des Jahres wurden jedoch die Pferde weggebracht. Mehr als 200 Hengste, Stuten und Fohlen wollte man zunächst nach Saaralben schaffen, wo der ehemalige Herzog Leopold von Lothringen ein Gestüt besessen hatte. Wegen schlechter Weidegründe und baufälliger Stallungen kamen die Pferde dann jedoch nach Rozières und Malgranges20.

Konnte der Karlsberger Marstall in seiner äußeren Gestalt vielleicht auch nicht mit weit prächtigeren Marställen konkurrieren, so gehörte er doch mit seinen imposanten Ausmaßen zu den größten Gebäuden seiner Art. Vergleichbar sind z.B. das Stallgebäude des Nymphenburger Schlosses von Josef Effner für 500 Pferde oder auch der Entwurf Johann Bernhard Fischers von Erlach für die Hofstallungen in Wien für 600 Pferde. Die Wahl des Vierflügelmarstalls mit eingebundenem Reithaus als Gegengewicht zur gegenüberliegenden Toranlage war jedoch für diese Zeit eher retrospektiv.

Eine der frühesten geplanten Vierflügelanlagen mit integriertem Reithaus, bzw. hier mit zwei Reithäu- sern, finden wir rund 100 Jahre vor dem Karlsberger Marstall in Eisgrub in Mähren (Lednice)21. Sie wurde errichtet ab 1688 nach Plänen Johann Bernhard Fischers von Erlach. Bauherr war Johann Adam Andreas von Liechtenstein, ein Sohn des Fürsten Karl Eusebius von Liechtenstein, der sich als Architekturtheoretiker auch mit dem Bau von Stallungen und Reithäusern beschäftigt hatte. Von den ursprünglich geplanten vier Flügeln dieses prachtvollen "Pferdeschlosses" sind in den Jahren 1690 bis 1695 nur drei ausgeführt worden. Die langgezogenen niedrigen Flügel zeigen einen für Stallbauten außergewöhnlich reichen Formenaufwand. Gedoppelte flache Pilaster trennen die einzelnen Achsen, in denen eine Folge von Blendfeld, hochrechteckigem Fenster mit Dreiecksgiebel und Mezzaninfen- ster sitzt. An zwei Seiten betonen gedoppelte freistehende Säulen eine hohe rundbogige Durchfahrt. Über dem Gebälk ragt ein Giebelauszug mit Wappen und bekrönendem Vasenschmuck in die Dachzone hinein. Zwischen den beiden Reitbahnen liegt eine weitere aufwendigere Durchfahrt, in ihrer Form einem dreiteiligen Triumphbogen nachempfunden.

Die Reithäuser selbst treten nach außen kaum in Erscheinung, weder durch eigene aufwendigere Architekturformen, noch durch ein überhöhtes Dach. Lediglich die Wahl einer andersgestalteten Durchfahrt, hier die triumphtorartige im Gegensatz zur eintorigen der Stalltrakte, weist hier auf eine besondere Nutzung des Inneren hin. Diese Eigenheit einer vollkommen integrierten Reitbahn finden wir im 17.Jahrhundert bei allen Vierflügelanlagen, sowohl bei den Komplexen, die im Residenzzusam- menhang stehen, wie auch bei den Gestütsanlagen. Bei diesen wurde die vierte Seite dann meist von einem Verwalterhaus eingenommen. Erst das 18.Jahrhundert wies dem Reithaus eine zentrale Position zu, in der es auch in der Wahl seines Formenduktus oder durch seinen Größenunterschied unterstützt wurde. Hier kann durchaus an die Karlsberger Anlage erinnert werden.

Auffallend bei den Vierflügelanlagen des 18.Jahrhunderts ist ihre Stellung in Bezug zum zugehörigen Schloßbau. Wie bereits erwähnt ist eine direkte axiale oder symmetrische Beziehung zum Hauptpalais nicht gegeben, so wie wir es bei den triklinen, bzw. hufeisenförmigen Anlagen beobachten konnten. Der Vierflügelmarstall erscheint als in sich geschlossene bauliche Einheit. Er konnte aufgrund seiner Grundrißgestaltung und seiner oft sehr großen Ausdehnung nur schwierig zum Schloßbau in Bezug gesetzt werden, ohne das Hauptpalais in seiner eigenen baulichen Wirkung zu reduzieren. Auch bei der Karlsberger Anlage war kein symmetrischer Bezug zwischen Stallung und Hauptpalais gegeben, jedoch lagen hier auch topographisch andere Voraussetzungen vor. Wie auf einem Panorama-Schaubild reihten sich die Karlsberger Bauten auf einem gestreckten Bergrücken. Sie sind insgesamt als Einheit zu betrachten, wovon der große Marstall ein Bestandteil war.

Der Versuch, in Hohenheim bei Stuttgart der Schloßanlage u.a. einen Vierflügelmarstall mit Reithaus direkt und in räumlicher Abhängigkeit anzugliedern, gedieh nicht über den Bau allein des Reithauses hinaus22. 1781/82 plante Reinhard Ferdinand Heinrich Fischer einem bestehenden Palais eine Anlage um drei Höfe zuzuordnen. Die Mitte sollte der große Ehrenhof einnehmen, der östliche Hof sollte Stallungen und Remisen beherbergen, der westliche Stallungen und das Reithaus. Das Projekt wurde so nicht ausgeführt, jedoch errichtete man ab Oktober 1782 die Reitbahn. Der von außen eher unscheinbare Bau besaß eine aufwendige Innengestaltung mit zurückhaltenden, die Tektonik der Reithalle unterstreichenden Stuckdekorationen. Breite flache Pilaster mit aufgelegtem Spiegel gliederten die Wände, dazwischen saßen leicht eingetieft die Fenster. Zur Decke hin vermittelte eine Hohlkehle, die Ovalfenster belichteten. In der Hohlkehle setzte sich der Wandaufbau der Pilaster in gedoppelten Gurten fort. Sie leiteten direkt über zur in Felder aufgeteilten Flachdecke. Sie besaß runde, bzw. in der Mitte einen ovalen Spiegel. Die Dekoration trug dem klassizistischen Geschmack der Zeit Rechnung. So zierten Festons die Fensterbrüstungen, Rosetten krönten die Pilasterspiegel, und Festons und Girlanden füllten die Gurte der Hohlkehle und die Rahmungen der Deckenfelder.

Leider ist das Hohenheimer Reithaus 1955 abgerissen und durch einen Neubau ersetzt worden. Mit diesem Gebäude ist eines der wenigen Reithäuser des 18.Jahrhunderts verschwunden, die bis in unsere Tage ihre originale Stuckausstattung fast unversehrt erhalten hatten.

Bisher kam das Reithaus vor allem im Zusammenhang mit dem Marstallgebäude zur Sprache. Jedoch ist das Reithaus auch häufig als Einzelbau anzutreffen, und es wurde im Schloßbezirk oder im Bereich des Schloßgartens in nur losem Kontakt zur Stallung errichtet. Diese Form ist wohl die älteste und seit dem frühen 17.Jahrhundert nachweisbar. Für das 16.Jahrhundert sind die Quellen spärlich, was nicht heißt, daß der Reithausbau auszuschließen ist. Wahrscheinlich ist vielmehr, daß die Gebäude in Holzkonstruktionen - wie uns Nachrichten aus Wien und Salzburg berichten - errichtet worden sind und deshalb nicht erhalten sind.

Das früheste uns bekannte Beispiel, wo ein großer Saal u.a. zu Reiterspielen genutzt worden ist, ist der Wladislaw-Saal der Prager Burg (1493-1502), ein stützenloser Raum, der mit einer Größe von 62 zu 16 Meter durchaus für Reitveranstaltungen geeignet war. Eine spezielle Reiterstiege, ein Wendelgang mit flachen Stufen, ermöglichte den Pferden den Zugang.

Bereits in die Mitte des 17.Jahrhunderts gehört das Turnierhaus, das Marx Schinnagl in München 1660/61 erbaut hat23. Das Reithaus muß wohl bereits kurz nach seiner Fertigstellung ein besonderer Anziehungspunkt der Stadt gewesen sein. So begab sich der gesamte Hof anläßlich des Besuchs des Salzburger Erzbischofs - einem großen Pferdekenner - in die "prachtvolle Reitschule". Aus den Schilderungen eines französischen Besuchers 1661 erfahren wir: "...Außerhalb des Palastes sah ich eine Reitbahn, die zu Ringelstechen, Turnieren und anderen Ritterspielen dient. Sie ist geschlossen, auf Art eines großen Saales erbaut, ringsherum mit drei amphitheatralischen Rängen oder Sitzrei- hen, einer über dem anderen, was sehr merkwürdig ist..."24 . In diesem Saal sollen 9000 Zuschauer Platz gefunden haben.

Bereits erheblich aufwendiger zeigte sich das 1677/78 errichtete Reithaus in Dresden, geplant von Wolf Caspar Klengel25. Mit seinen Maßen von vermutlich ca. 94 zu 28 Meter besaß das Reithaus den zu seiner Zeit größten Saal Dresdens. Der Architekturtheoretiker Leonhard Christoph Sturm be- merkte zu diesem Bau: "Das gröste Reit-Haus halte ich zu seyn das zu Dresden, welches ich nicht gemessen, aber dem Augenschein nach nicht unter 80 Fuß Breite und 600 Fuß Länge zu seyn erachte". Der Reithalle war hier eine reiche Fassade vorgeblendet mit zentralem Rundbogenportal und darüber angeordneter pilastergerahmter Nische. Diese enthielt ein Reiterstandbild des Kurfürsten Johann Georg II. Dieser Bau bestand lediglich rund 30 Jahre. 1710 brach man das Reithaus ab. An dieser Stelle errichtete Matthäus Daniel Pöppelmann den Zwinger.

Ohne Bruch zum vorhergehenden Jahrhundert läuft die Entwicklung des separiert stehenden Reithau- ses im 18.Jahrhundert weiter. Größere wie kleinere Residenzstädte verfügten über einen solchen Bau, der je nach Wünschen und finanziellen Mitteln des Auftraggebers und dem architektonischen Können des Baumeisters in seinen Formen schlicht oder aufwendig erscheint. Von diesen Bauten, die nun größtenteils in Stein ausgeführt worden sind, haben sich eine ganze Reihe erhalten, leider jedoch nur wenige mit einem ursprünglichen Innenraum. Diese verdienen deshalb unsere besondere Aufmerksam- keit. Genannt sei hier kurz das Reithaus der ehemaligen liechtensteinischen Residenz in Feldsberg in Mähren (Valtice), erbaut für Johann Anton von Liechtenstein von Anton Johann Ospel. Der Raum ist reich ausgestattet mit Kamin, Balkonen und Gemäldeausschmückung27.

Ein weiterer Liechtensteiner Fürst, der der Pferdezucht und der Reiterei sehr verbunden war, war der oben erwähnte Karl Eusebius von Liechtenstein. In seinem Architekturtraktat von 1670 gab er selbst Instruktionen zum Bau von Stall- und Reithausbauten28. Dieses Werk war ebenso wie Pinter von der Aus "Pferdt-Schatz" und Löhneysens "Über die Reutterei" (s.u.) im Besitz Herzog Karl II. August von Pfalz-Zweibrücken29. Karl Eusebius sah die Anforderungen an eine Reithalle eher nüchtern und schrieb hierzu: "Hinter dehnen Stallungen der langen Seiten sol ein eingedekter Reithaus oder Tummelplatz sein, im Winter und in Regenwetter dennoch reiten zu konnen, welches inwendig so lang sein soll, das man auch ein Carera zum Ring darinnen haben konnt...; in der Weiten soll es in die 6 oder 7 Klafter haben, damit man die jungen Ross in Ring traben konne...; inwendig sol das Reithaus kein Architecturzierde haben, dan tommeln der Arien, das ist der Springen, wurde nur solcher abgestossen sein und also umbsonsten gemachet sein, und abgestossener nur hasslich. Zu End eines Reithauses stehen die Cammin schen, konten also auf beden Enden an jeden einer sein und stehen..."30. Diese Prinzipien des Karl Eusebius sind in vielen Reithäusern verwirklicht worden. Architekturglieder wurden so häufig auf die Wand gemalt und die Decke wurde Träger von Stuckver- zierungen oder Gemälden31.

Diese Prinzipien für die Deckengestaltung wurden auch verwirklicht bei der 1729 entstandenen wohl berühmtesten Reitschule der Welt, der Hofreitschule in Wien32. Berühmt ist sie nicht nur wegen ihrer üppigen und prachtvollen Ausstattung, sondern heute vor allem wegen der traditionsreichen Vor- führung der Lippizaner und ihrer Hohen Schule. Diese sog. Winterreitschule wurde 1729-1735 von Josef Emanuel Fischer von Erlach, dem Sohn des Johann Bernhard, für Karl VI. errichtet.

Ganz in die Konzeption der Hofburgfassade mit einbezogen zeigt sich das Äußere der Hofreitschule. Die künstlerische Bedeutung des Gebäudes liegt jedoch fraglos auf dem Inneren (64 zu 25 Meter). Der Raum wird bestimmt durch seine beiden umlaufenden Galerien, die zwischen glatte komposite Säulen gespannt sind. Die Wände des Hauptgeschosses sind reich mit Reliefs in Stuckrahmung ver- ziert, die vor allem Trophäenarrangements zeigen. Über dem Eingangsbereich oberhalb einer Attika- brüstung ist der Schmuck besonders aufwendig: Trophäen flankieren die thronende Gloria auf der Weltenkugel. Diese Zone ist auf der gegenüberliegenden Seite der Kaiserloge bereichert durch einen der Attika vorgelegten Dreiecksgiebel, auf dem zwei Genien das fahnengeschmückte Kaiserwappen tragen. Mit seiner hellen, kühlen Farbigkeit, seinem logisch-strengem Wandaufbau und seiner akzen- tuiert eingesetzten Dekoration will dieser Raum als kostbare Hülle verstanden werden. Er dient der Aufnahme von Zuschauern, Pferden und den damit verbundenen festlichen Umzügen und Vorführungen. In diesem Raum findet die künstlerische Ausgestaltung einer Reithalle ihre höchste Vollendung.

Welchen Wert auch kleine Residenzen auf die festliche Ausprägung ihrer Reitbahnen gelegt haben, hat bereits ein Beispiel wie das Reithaus von Feldsberg kurz gezeigt. So ließ sich auch Graf Johann Karl Friedrich von Oettingen-Wallerstein in den Jahren 1741-55 von Paul Ulrich Trientel ein Reithaus errichten33. Es ist eines der wenigen Beispiele, das heute noch seinem ursprünglichen Zweck dient und sich dazu noch in einem vorzüglichen Zustand befindet. Es handelt sich um einen ovalen Mittelbau, der die Reithalle birgt. Seitlich sind daran dreiachsige, eigenständige Baukörper angefügt, die im Obergeschoß Wohnungen aufnehmen. An diese schließen sich links und rechts niedrige, kurze Stall- bzw. Remisenflügel an. Ganz nach barocken Prinzipien staffeln sich so die Baukörper zur Mitte hin und finden ihren Höhepunkt in dem gewichtigen Akzent des Reithauses.

Die Wahl eines ovalen Grundrisses für das Reithaus ist in dieser Ausformung ohne Parallelen. Um das Oval der Bahn zieht sich im zweiten Geschoß eine Zuschauergalerie. Zusätzlich sind in die zwei- schalige Wand um die Stirnseiten herumgreifend fünf Logen eingefügt. An den Langseiten schließen Balustraden die Galerie nach vorne ab. Portalnischen mit Muschelschmuck wechseln mit hohen Fensteröffnungen. Auch dieser Raum vermag es, durch seine helle Farbigkeit, seine großen Fenster, deren Licht die Halle durchflutet, und seine sparsam angewandte Dekoration uns die beabsichtigte festliche Stimmung zu vermitteln.

Auch Saarbrücken besaß natürlich ein solches fürstliches Reithaus. Man benutzte es bereits während seines Bestehens im 18.Jahrhundert auch zu anderen höfischen Festen. Diese Reitbahn errichtete Friedrich Joachim Stengel 1762/64 für Fürst Wilhelm Heinrich von Nassau-Saarbrücken. Bekannt ist dieser Bau aus Katasterplänen des Jahres 1780, und durch eine Reihe von Abbildungen, die sich vor allem auf das benachbarte ehemalige Hofbräuhaus beziehen34. Karl Lohmeyer schrieb in seiner Stengelmonographie von 1911: "...In der nun vom Berge herabgestiegenen, eben sich dahinziehen- den Talstraße entstanden auch 1762 das herrschaftliche Brauhaus (jetzt Hofbrauhaus) und die Reit- bahn, einfachere Bauten, von denen nur das Reithaus durch seinen hohen, besonders auf der Rück- seite weit vorgezogenen Mittelbau mit hohem Mansardendach ausgezeichnet war, das einem Brande im letzten Jahr zum Opfer fiel"35. Dieser Brand ereignete sich im März 1909. Eine Abbildung des Gebäudes zeigt das Reithaus so wie es sich auf einem Bierkruguntersatz der Brauerei Rudzinski darstellt (Abb.3). Die Fassade zur Talstraße besitzt elf Achsen, wobei die drei mittleren risalitartig vorgezogen sind. Eckrustika umgreift den Bau an den Seiten und die Ecken des Mittelrisalits. Die Fenster sind stichbogig und in den beiden Geschossen durch ein Gesimsband voneinander getrennt. In seiner lagernden Breite wird das Reithaus nur unterbrochen durch einen Dachansatz mit Dreiecks- giebel, der die drei mittleren Achsen überfängt. Stengel wählte hier eine Form, die ganz vereinfacht durchaus an seine Palaisbauten erinnert.

Lassen wir noch einmal Lohmeyer zu Wort kommen, der sich über die Stellung des Reithauses vom Garten her gesehen äußert: "... Von dem Pavillon ging dann der Blick über einen Springbrunnen hinweg auf den schön gegliederten Bau der Reitschule in der Talstraße, der gewissermaßen so der Endpunkt dieser für sich behandelten Gartenpartie gewesen ist, die als sein Parterre vor ihm lag und den glücklichen Abschluß einer seitlichen Achse wieder gebildet hat". Über das Innere der Reit- bahn sind wir leider nicht unterrichtet. Bekannt ist jedoch, daß sie neben reiterlichen Festen z.B. auch den Feierlichkeiten anläßlich der Hochzeit des Erbprinzen Heinrich diente. Nach 1810 erwarb Karl Haldy den Reithaus-Brauhaus-Komplex, und er bot bald darauf die Reitschule als Theatergebäude an36. Diese Funktion besaß es etwa 40 Jahre, zwischen 1820 und 1860, zumal das 1786/87 von Balthasar Stengel errichtete Kommödienhaus bereits 1793 ausgebrannt war und seit 1815 als Pferde- stall benutzt worden ist. 1865 bis zu seiner Zerstörung 1909 diente das ehemalige fürstliche Reithaus dann als Speicher und Stallgebäude.

Verlassen wir nun das 18. Jahrhundert, und betrachten noch ein Beispiel des Reithauses als Einzelbau im 19.Jahrhundert. Im ersten Viertel dieses Jahrhunderts begegnet uns diese Bauaufgabe vor allem in klassizistischen Formen, ab 1830 herrscht dann die historisierende, vor allem die neugotische Ar- chitektursprache vor.

Einen Höhepunkt dieser historisierenden Architekurauffassung bietet das großartige Reithaus von Svetce in Böhmen. Nahe der bayerischen Grenze liegt heute vergessen eines der ehemals prachtvollsten und nach Wien größten Reitbahngebäude Europas. Der Bau der 1857 für den Fürsten Alfred Windischgrätz in einer Mischung aus neugotischen und neuromanischen Formen errichtet worden ist, befindet sich heute leider in einem trostlosen Zustand.

In der vielseitigen äußeren Baugestalt der mächtigen Reitschule spiegelt sich bereits seine innere differenzierte Nutzung wieder. Emporen, Logen, ehemalige Salons und Gästezimmer umrahmen die eigentliche Reitbahn. Außen dehnt und staffelt sich der vielschichtige Baukörper bis hin zur gestreckten Laterne des Daches, die die Halle belichtet.

Klarer erfaßbar ist das Innere der riesigen Reithalle. Rundbogenöffnungen durchbrechen in zwei Geschossen in regelmäßiger Folge die Wand, wobei die jeweils erste Achse von einer Doppelarkade eingenommen wird. Hier konnten sich die Zuschauer aufhalten, ebenso in der Loggia in der nördli- chen Stirnseite. Von der ehemals sicher reichen Ausstattung zeugen noch die unterhalb des Dachansatzes umlaufenden Lünettenfelder, die zum Teil noch in zarter Sgrafittomalerei dekoriert sind.

Dieses Reithaus bedeutet eine Steigerung aller bis dahin ausgeführten Bauten dieser Art. Es übertrifft ältere Werke sowohl in seiner Größe, dem Formenaufwand, in der komplizierten Zueinanderfügung der einzelnen Bauteile. Umso tragischer, daß dieser Bau heute dem Verfall preisgegeben ist.

Auch die Dreiflügelanlage fand ihre Fortsetzung im 19.Jahrhundert, während der Vierflügelkomplex seine Bedeutung mit dem endenden 18.Jahrhundert verlor. Diese Tendenz ist auch bei den Planungen für einen weiteren herrschaftlichen Marstall mit Reithaus zu beobachten. Es handelt sich um die Planung und Ausführung einer Stallung mit Reithaus für die Münchner Residenz37. An der Konzeption sind drei der wichtigsten Architekten ihrer Zeit beteiligt: Andreas Gärtner, Carl von Fischer und Leo von Klenze. Ein erster Plan Andreas Gärtners sah 1807 eine Vierflügelbebauung vor. 1808 bereits werden Änderungswünsche laut, die eine Dreiflügelanlage favorisieren mit freiem Blick von der Residenz auf die zentral gelegene Reitbahn. Pläne, die eine solche Lösung zeigen, werden u.a. von Carl von Fischer vorgelegt. Sein Reitbahngebäude wirkt schlicht und monumental: das obere Drittel der Wand wird durchbrochen von neun Thermenfenstern, im unteren Wandbereich spricht allein ein einfaches Rechteckportal. Doch diese Kargheit hat nicht mit einer geringgeschätzten Bauaufgabe zu tun. Im Gegenteil. Fischer äußert sich zu dieser Reitbahn, "daß eine solche in man- cher Beziehung eine Analogie mit den alten Basiliken habe, weswegen er solche mit 18 großen halbzirkelförmigen Bogenfenstern, welche jenen Gebäuden am eigensten seyen und ein ungemein starkes und feierliches Licht ohne zu blenden verbreiten, erleuchtet habe". Sein Hauptaugenmerk "sey gewesen, der Hauptfacade dieses Gebäudes, welches einst einem neuen und prächtigen Schloß gegenüberstehen sollte, ein zwar einfaches, doch grandioses und edles Ansehen zu geben"38.

Bis 1817 blieb das Projekt, vor allem aus finanziellen Gründen, unausgeführt. 1817 erhiet dann Leo von Klenze den Auftrag, neue Pläne auszuarbeiten. Seine Entwürfe wurden 1820 genehmigt. 1825 ist die Reithalle als einziges der geplanten Gebäude fertiggestellt worden. Ähnlich wie Fischer sah Klenze eine Dreiflügelbebauung vor, jedoch ist seine Reitbahn erheblich reicher als die seines Konkurrenten: Eckrisalite mit rustizierten Pilastern rahmen die Front. Auf einem umlaufenden Quadersockel sitzen Halbrundfenster, in den Fensterzwickeln weisen Tondi mit Pferdekopfreliefs auf die Nutzung des Gebäudes hin. Plastisch belebt wird die Wand allein durch das rundbogige Haupt- portal, das Freisäulen auf Postamenten flankieren. Die Zwickel zwischen Gebälk und Rundbogen beleben Reliefs mit Kentaurendarstellungen.

Das Innere ist aufwendig gestaltet. Unterhalb der Fenster verläuft eine rustizierte Sockelzone, Pilaster trennen die einzelnen Achsen und nehmen das vielfach profilierte Gebälk auf. Es leitet über zur Flachdecke, die in vier Felder mit Kassettenteilung untergliedert ist. In den Mittelachsen der Lang- seiten öffnen sich hohe Rundbogenportale.

Wie auch in München wählte der Architekt Jean Baptist Métivier für die Marstallanlage des Schlosses von Thurn und Taxis in Regensburg eine Dreiflügelanlage mit dem Reithaus als Mittelpunkt. Der Grundstein wurde 1830 gelegt, 1832 konnte die Reitbahn mit einem festlichen Karoussel eingeweiht werden, und auch die Stallungen wurden fertiggestellt.

Wie München zeigt die Reitschule in Regensburg einen hohen gequaderten Sockel, auf dem die großen Rundbogenfenster sitzen. Zwei umlaufende Gesimse teilen die Wand in drei Flächen, in denen die Quaderung von unten nach oben abnimmt. In der Mittelachse öffnet sich ein großes Rechteckpor- tal, darüber zeigt eine Relieftafel zwei Reiter vor einer geflügelten Viktoria.

Auch das Innere erinnert in manchem Punkt an die Münchner Hofreitschule, so die Folge des Wandaufbaus mit schräger Bande, rustiziertem Wandfeld und den darüber angeordneten Rundbogenfenstern. Ebenfalls ist die Deckenlösung vergleichbar: Metivier teilt die Flachdecke in vier große Felder; jedoch ornamentiert er in vollkommen anderer Weise. Große Felder in der Mitte werden umgeben von Rahmen mit floralen Motiven, um diese laufen kleinere Felder mit Rosetten und geome- trischem Ornament. Drei Arkaden, die mittlere mit vorgelegtem Balkon, bestimmen eine Stirnseite. Die Besonderheit dieses Reithauses liegt jedoch in seinem Bildnisschmuck, den Ludwig Schwanthaler entworfen hat. Die Wand zwischen den Fenstern ziert eine heute einzigartige Reihe von Relieffeldern mit Pferdeszenen. An den beiden Stirnseiten stehen sich zwei Wagenzüge gegenüber: Achilles und Hektor im Süden, Ares und Herakles im Norden. Die Hochreliefs der Langseiten zeigen nackte Heroen als Rossebändiger oder Reiter.

Ebenfalls einzigartig ist ein Reithaus in unserem Raum, das in dieser Zusammenstellung vorgestellt werden soll. Es handelt sich um das kleine Reithaus in Neunkirchen/Saar, das die Familie Stumm für ihre Kinder hat errichten lassen (Abb.4). Private Reitbahnen, die nicht als öffentliche Reitschule genutzt wurden oder nicht im Zusammenhang mit einer Schloßanlage erbaut worden sind, sind an sich schon sehr selten. Daß ein Privatmann für seine Kinder eine Miniatur-Reitbahn errichten ließ, die heute noch existiert, ist eine absolute Rarität. Es ist natürlich denkbar, daß solche Reithäuser, ähnlich wie Gartenhäuschen oder Pagoden, in Holz konstruiert und wieder abgeschlagen worden sind und so unserer Kenntnis entzogen wurden. Dieses Gebäude in Neunkirchen ist jedoch in Stein ausgeführt. Es steht mittlerweile unter Denkmalschutz und ist Teil des sog. Hüttenwegs, der u.a. an einer Reihe von Gebäuden der Familie Stumm und an ehemaligen Industriedenkmälern vorbeiführt. Das schlichte kleine Gebäude, das zuletzt als Lehrlingswerkstatt Verwendung gefunden hat, besitzt einen Vorbau mit gequaderten Ecklisenen und einen pavillonartigen Teil, der die Reithalle barg. Seine polygonale Form wird betont durch über die Ecken gelegte Wandstreifen, das mittlerweile veränderte Innere belichten Stichbogenfenster.

Wie eingangs bereits erwähnt, findet man Stallung und vor allem Reithaus jedoch nicht nur im herrschaftlichen Bereich. Gerade die Reitbahn bildete einen wesentlichen Aspekt als Bestandteil der Universitätsarchitektur41. Leider sind gerade in diesem Zusammenhang die meisten Reithäuser verschwunden oder umgebaut. Zu den wenigen erhaltenen baulichen Zeugen gehören die Reithäuser von Marburg und Ingolstadt, die jedoch heute ihr ursprüngliches Inneres verloren haben und als Turnhalle bzw. Volkshochschule genutzt werden. Daher müssen hier die schriftlichen Quellen weiterhelfen, um die außergewöhnliche Stellung des Reithauses im Universitätsbau zu belegen.

So schrieb Georg Engelhard Löhneysen 1609 in seinem Werk "Über die Reutterei" im Kapitel "Hofschuel. Wie man junge von Adel ufferziehen soll": "Die jungen von Adel sollen fürnemblich in reiten und Ritterspielen wol unterwiesen und geübt werden...". Auf die Frage, wo "solche Hoffschuel anzurichten sey...", gibt Löhneysen selbst die Antwort: "da eine wolbestellte Universitet wehre, denn es sei den leuchten recht, wenn ihre kinder neben dem Reiten auch studieren möchten"42.

Gerade Anfang des 17.Jahrhunderts mußten die deutschen Universitäten, die bis zu diesem Zeitpunkt nur reine Wissenschaften betrieben haben, Leibesübungen wie Tanzen, Fechten und vor allem Reiten anbieten, um ihre Zuhörer überhaupt halten zu können. Schon bald bemühte man sich, die besten Reitmeister als Lehrer zu verpflichten, um den Studenten das Bleiben schmackhaft zu machen. Welchen Rang diese Reitmeister einnahmen, ist unschwer an ihren Gehaltszahlungen abzulesen. So erhielt 1691 der Reitlehrer Johann von Froben in Frankfurt/Oder ein Salär von 2000 Talern jährlich, ein Entgelt, das das der Lehrer für Tanzen, Fechten und Sprachübungen mit je 100 Talern pro Jahr um ein Vielfaches überstieg.

Um ihre Attraktivität zu erhöhen, ersuchte auch die Universität Basel 1681 den hohen Rat der Stadt um die Einstellung des Bereiters Josef Hagel: "Wir haben von verschiedenen jahren hero, mit nicht geringem Bedauern, leider! erfahren müssen, daß ohngeachtet unsrer besten intenion und aufgewendeten guten Fleisses, dennoch allhierige Universität an besuchung ausländischer Studenten und anderer hochen und nidrigen Standspersonen, so sonsten die Universitäten zu frequentirn pflegen, merklich abgenommen, und vast gäntzlich entblösst worden. So haben wir jedoch nicht nur allein anderer sonst florirenden Universitäten, sondern auch und zwar fürnemmlich von vielen durchreisenden frömbden hoch und nidern standspersonen mehrmals vernommen, dass dieser Abgang aus mangel allerhand Exercitien welch etwan neben Bedienung der Studien, sonderlich bey diesen Zeiten üblich, verursacht werde, unter welchen löbl. Übungen die bermbte und nützliche Reuttkunst zweyffels frey die vornemmste zu sein scheinet...Also möchten wir ...bitten..dahero bei vast allen Universitäten heutigs tags übliche Exercitium, der reutkunst alhier einzuführen"43.

Die Blüte erreichte die Reitkunst an den Universitäten dann im 18.Jahrhundert, wo zum Teil die "studiosi artis equitandi" gleichberechtigt neben den übrigen Studierenden standen. Daneben setzte sich nun auch in verstärktem Maße die Pädagogik mit dem Wert der Leibesübungen auseinander, wobei unter diesen das Reiten an erster Stelle stand. Neben dem gesundheitlichen Aspekt billigte man der Reitkunst auch einen ästhetischen zu, der sie in das System der Künste neben Musik, Poesie und Malerei einreihte (Gottfried Herrmann, 1717, Prof. Klass. Philologie, Leipzig).

Die berühmteste Reitschule des 18.Jahrhunderts befand sich in Göttingen44. Berühmte Rittmeister wie Johann Heinrich Ayrer (1760-1817) pflegten hier im Range eines ordentlichen Professors die klassische Manegereiterei. Johann Wolfgang von Goethe, der selbst als Jugendlicher eher schlechte Erfahrungen mit Reitbahnen gesammelt hatte - ihm erschien die Reitschule in Frankfurt als feuchter oder staubiger Raum, kalt und voller Modergeruch - reiste 1801 über Göttingen nach Pyrmont. Dabei wurde er zu den Sehenswürdigkeiten Göttingens geleitet, zu denen auch die Universitätsreitbahn gehörte. Goethe hielt über diesen Besuch fest: "Warum denn auch eine Reitbahn so wohltätig auf den Verständigen wirkt, daß man hier vielleicht einzig in der Welt die zweckmäßige Beschränkung der Tat, Verbannung aller Willkür, ja des Zufalls mit Augen, mit dem Geiste begrüßt. Menschen und Tiere verschmelzen hier dergestalt in eins, daß man nicht zu sagen wüßte, wer den eigentlich den anderen erzieht"45.

Mit dem 19.Jahrhundert änderte sich dann das Bild der Universitätsreitbahnen grundlegend. Das universitäre Reiten verlagerte sich allmählich auf die nun immer zahlreicher werdenden öffentlichen Reitschulen, wobei nicht selten die ehemaligen Stallmeister nun gleichzeitig auch den privaten Reitinstituten vorstanden. Wie sich die Situation geändert hat, erfahren wir aus einem Artikel der Frankfurter Zeitung vom 20.12.1910 zum 75.Geburtstag des Musikdirektors der Universität Kiel. Bei seiner Einstellung war kaum Geld für seine Bezahlung vorhanden, während der Stallmeister mit 3000 Mark besoldet wurde. Zitat aus der Frankfurter Zeitung: "Endlich segnete dieser (der Stallmeister) das Zeitliche, und da dessen Stelle einging, so wurden auch die 3000 M. frei...Während man die eine Hälfte dem Kieler Tattersall überwies,...dotierte man mit der anderen...den akad. Musikdirektor". Weiter heißt es: "So hatte erst ein Pferdeverstand von der Bildfläche verschwinden müssen, damit die Kunst zu ihrem Recht kam"46.

Neben den Universitäten waren es die Ritterakademien, die seit dem 16.Jahrhundert die Ausbildung junger Männer, vor allem zum "Edelmann" übernahmen47. Auch hier standen die Reit- und Militärausbildung an erster Stelle. Reithäuser sind nur in geringem Umfang überliefert, aber die Reitkunst besaß an den Ritterakademien einen sehr hohen Stellenwert. Auch hier mag ein Zahlenbeispiel dies bestätigen: so erhielt der Oberbereiter der savoyschen Ritterakademie in Wien ein Jahresgehalt von 1200 Gulden, während sich der Professor für Zivilarchitektur mit 250 Gulden zufriedengeben mußte.

Auch Saarbrücken kann für das 18.Jahrhundert zumindest den Versuch der Gründung einer solchen Ritterakademie verzeichnen48. 1773 erschien, aus Regensburg kommend, ein Johann Christoph von Gritsch mit der Idee zu einer Ritterakademie, der er selbst als Direktor vorstehen wollte. Er erhielt vom Fürsten Ludwig zwar ein geeignetes Gebäude mit Garten, aber Ludwig hielt sich mit Zahlungen an die Ritterakademie zurück. Zudem blieben die Schüler für die Akademie aus. Der Grund lag wohl darin, daß Saarbrücken im Gymnasium bereits eine sehr gute Bildungsanstalt besaß. Gritschs Ideen sahen - im Gegensatz zum Bildungsprogramm der meisten anderen Ritterakademien - ein Schwer- gewicht in der geistigen Erziehung. So war auch vorgesehen, daß zum Beispiel dem Bereiter mit 300 Gulden ein verhältnismäßig geringes Honorar gezahlt werden sollte. Der Plan mußte bald fallengelas- sen werden, und von Gritsch verschwand bereits im darauffolgenden Jahr, nicht ohne einen Berg Schulden zu hinterlassen. Er richtete sogar eine Klageschrift an den Kaiser mit dem Inhalt, Fürst Ludwig habe ihn schwer geschädigt und "es sei eine schon verjährte Gewohnheit Saarbrückens, Fremde unter glänzenden Aussichten in das Land zu locken, und nachdem selbige den größten Teil ihres mit dahingebrachten Vermögens für das allgemein Beste aufgeopfert, sie sonach mit Schimpf und Schande zu belegen und am Ende gleichwohl der Fügung des Himmels und ihrem Schicksale zu überlassen". Soweit zur kurzen Geschichte der Saarbrücker Ritterakademie.

Ebenfalls einen wichtigen Aspekt nahm das Reithaus im Kasernenzusammenhang ein. Nur wenige dieser Bauten haben sich erhalten, und sie zeichnen sich meist durch eine besonders schlichte Ar- chitektur aus bis hin zu einfachsten barackenartigen Gebäuden. Ein noch bestehendes Kasernenreithaus in unserer Region sei hier kurz vorgestellt. Es ist eine der wenigen Reithallen, die noch in Funktion ist. Es handelt sich um die in strengen Formen erbaute Reitbahn der ehemaligen Artillerieka- sernen in St.Arnual in der Saargemünder-Straße. Errichtet wurde die Anlage in einem ersten Bau- abschnitt vor 1896. 1898 zieht ein Teil der reitenden Abteilung des 8.Feld-Artillerie-Regiments von Holtzendorf aus Saarlouis hier ein.

Das Zentrum der Kasernenanlage bestand aus einer Mannschaftskaserne, die räumlich korrespon- dierte mit dem in der Mitte einer Dreiflügelanlage angeordneten Reithaus. Zwischen 1896 und 1904 wird dieser Dreiflügelstall erweitert um zwei weitere, rechtwinklig anstoßende Stallungen. 1912 entstehen ein zweites, freistehenden Reithaus und eine neue Stallung zur Holtzendorfstraße. Von den Baulichkeiten dieser Kaserne sind noch Teile erhalten. Noch genutzt wird das ehemalige Offiziers- heim, wohl besser bekannt als Theaterstätte des früheren Saarländischen Landestheaters. Ebenfalls noch intakt ist das zweite Reithaus von 1912, das heute vom Reit- und Fahrverein St.Arnual als Reithalle genutzt wird (Abb.5). Dem Reithaus ist ein Kühlstall vorgebaut, der wie das Reithaus einen Quadermauersockel besitzt. Darauf teilen Staffellisenen die Wand in Felder, in denen Rechteckfenster die Wand öffnen. Das flache Satteldach betont die lagernde Breite des Gebäudes. Das Innere ist schlicht und zweckmäßig, die Holzkonstruktion des Daches bleibt sichtbar. Die baulichen Reste dieser Kaserne stehen heute unter Denkmalschutz.

Zwei weitere Militärreithäuser in unserer Nähe befanden sich in Saarlouis. Von ihnen ist uns ihre ehemalige Lage, summarisch ihr Aussehen um 1910 und von einem der Bauten eine urkundlichen Nennung bekannt. Ein Plan der Stadt Saarlouis aus der Zeit um 1913/18 zeigt den Großen Markt mit der Kirche. An ihm vorbei führt die Zeughausstraße, an dem die beiden Kavalleriekasernen 3 und 2 der französischen Erbauungszeit lagen. Das kleinere, vorgelagerte Reithaus wurde 1779 errichtet und besaß eine Größe von ca. 34,20m zu 14,30m. In der Preußenzeit (ab 1815) mußte diese Reithalle erhöht werden. Aus den Aufzeichnungen des Festungsingenieurs Ritter erfahren wir über die Reitbahn, neben ihren Maßen, daß sie 1779 erbaut und 1852 umgebaut worden war. Der Umbau bestand in der Erhöhung der Umfassungsmauern und Veränderung des Hängewerks, weil die Höhe des Raumes für die Lanzen der Ulanen nicht genügte 49.

Aus welchem Jahr das zweite, große, preußische Reithaus stammt, ist unbekannt. Auf einem Plan des Jahres 1817 ist es jedoch noch nicht zu sehen. Dieser Bau wurde nach 1918 abgerissen, während das französische Reithaus zusammen mit den beiden Kasernen um 1936/37 fiel.

Eine historische Fotografie, etwa um 1910, zeigt noch einmal die Situation: der Große Markt, an ihm vorbeiführend die Zeughausstraße mit dem Zeughaus, die Kasernen 3 und 2, das französische Reit- haus und das preußische Reithaus. Beide Bauten scheinen - wie in der Kasernen-Reithausarchitektur üblich - sehr schlicht gewesen zu sein. Dem preußischen Bau ist ein Kühlstall vorgelagert, der in einer zweiten Bauphase offensichtlich auch der Langseite der älteren Reithalle vorgebaut worden ist.

Mit dem beginnenden Niedergang der militärischen Reiterei seit der zweiten Hälfte des 19.Jahrhunderts findet man immer häufiger ehemalige Kavallerieoffiziere, die ihre eigenen privaten Reitställe einrichteten oder als Reitlehrer städtischer Reitschulen arbeiteten. Die öffentlichen Reit- schulen50 erhielten in dieser Zeit einen besonderen Zulauf sowohl von Studenten, die keine Mög- lichkeit der Reiterei an Universitäten mehr besaßen als auch vom wohlsituierten Bürger, für den das Reiten nun keine Notwendigkeit des sich Fortbewegens mehr darstellte, sondern der das Reiten nun als reinen Sport betrachtete.

Vorstufen der öffentlichen Reitschulen begegnen uns vereinzelt im 17.Jahrhundert und im beginnenden 18.Jahrhundert, wo Beispiele aus Bern, Leipzig und Frankfurt/Main bekannt sind.

Eine wahre Blüte jedoch ist zu verzeichnen seit der zweiten Hälfte des 19.Jahrhunderts. Stellvertretend soll an dieser Stelle nur ein Beispiel aufgeführt werden, das für eine Fülle von sehr reich ausgestatten Reitschulen mit erweitertem Raumprogramm steht.

Beim folgenden Beispiel handelt es sich um den "großen Verwandten" der öffentlichen Reitschule, das Hippodrom. Es blieb beschränkt auf Großstädte wie Paris, Brüssel, oder in Deutschland Berlin oder Frankfurt. Sie waren häufig eine Art Vergnügungszentrum mit Reitervorführungen, zirzensi- schen Darbietungen und auch Tierschauen, und sie dienten daneben auch dem Reitunterricht. Eine solche Reitanlage mit verschiedenen Nutzungsmöglichkeiten war das Hippodrom der Architekten Haenle und Welb in Frankfurt/Main, das 1898 erbaut worden ist51. Ein großes Zugangshaus mit Dreiecksgiebel und Pferdebändigergruppe führte in die eigentliche Halle. In diesem Vorbau befanden sich ein Restaurant, Haupttreppenhaus, Ankleideräume, ein Aufsitzraum und ein Lesesaal. Die große Reithalle war von einer weiteren Restauration durch eine große Glaswand einsehbar, so wie wir es auch heute in den meisten Reitschulen finden. Die Stallungen lagen unter der Reitbahn. Die Pferde konnten durch zwei Aufzüge in die große Reitbahn gebracht werden oder in eine weitere kleinere Bahn dahinter. Die große Reitbahn umgab eine Holzbande, hinter der sich an einen Umgang an den Langseiten die Parterrelogen anschlossen. Darüber lagen die Balkonlogen zwischen hohen Rundbo- genöffnungen. An einer Stirnseite befand sich zusätzlich eine große Mittelloge, gegenüber dieser das Orchester. In den Logen fanden allein 1400 Zuschauer Platz, dazu kamen 1500 Stehplätze. Die Reit- bahn konnte auch zu anderen Zwecken, wie für Konzerte oder Bälle, umgebaut werden, indem man die Holzbande entfernte und einen Parkettfußboden einlegte.

In dieser Form bestand das Frankfurter Hippodrom nur kurze Zeit. Vor allem die Umbauten als Varieté-Theater haben sein Aussehen dann verändert.

Diese Reihe von Beispielen kann ohne weiteres durch eine Vielzahl weiterer, qualitätvoller Reithaus-Marstall-Anlagen ergänzt werden. Eindeutig klar wird jedoch auch mit den wenigen vorgeführten Beispielen, daß das Reithaus als "theatrum equestre" weit über der reinen Nutzarchitektur anzusiedeln ist. Es wird zur Festarchitektur - verstanden auch als Raumhülle für das Pferd - das als edelstes Tier dazu auserkoren ist, den Herrscher zu erheben und zu entrücken - bildlich wie sinnhaft.

Anmerkungen

1. Pinter von der Au, Johann Christoph: Neuer, vollkommener verbesserter und ergänzter Pferdt-Schatz. Frankfurt/Main 1688, 127f.

2. Vgl. zu diesen Bauaufgaben: Götz, Wolfgang: Deutsche Marställe des Barock. München 1964; Skalecki, Liliane: Das Reithaus. Untersuchungen zu einer Bauaufgabe im 17. bis 19.Jahrhundert. Hildesheim, New York 1992.

3. Zur Rolle des Pferdes in der Kulturgeschichte: Jähns, Max: Ross und Reiter in Leben und Sprache, Glaube und Geschichte der Deutschen. 2 Bde. Leipzig 1872. Nachdruck Wiesbaden 1973.

4. Die bekanntesten Gestüte zusammengefaßt bei: Traut, Friedrich: Die Gestüte Europas. Verden 1971.

5. Zum Zweibrücker Gestüt vgl.: Wilms, Rudolf: Aus der Geschichte des Zweibrücker Gestüts. In: Festschrift zur 200-Jahr Feier 1755-1955. Zweibrücken 1955.

6. Bei Wilms, Rudolf, wie Anm.5, 16. - Daß Klöster diese Aufgabe übernommen haben, ist keine Seltenheit. Bereits der berühmte St.Gallener Klosterplan (um 820) sieht Stallungen für trächtige Stuten und Fohlen nebst Wärterunterkünften vor.

7. Diese und die folgenden Angaben bei: Weber, Wilhelm: Schloß Karlsberg. Legende und Wirklichkeit. die Wittelsbacher Schloßbauten im Herzogtum Pfalz-Zweibrücken. Homburg 1987, 276ff.

8. Das gemeinsame Unterbringen von Stallung und Schatzkammer unter einem dach ist immer wieder bei den Marställen des 16. und 17.Jahrhunderts anzutreffen. So diente der Marstall in Kassel in seinem Obergeschoß zugleich als Kunstkammer, Schneiderei, Münze u.a.; auch der Entwurf für ein Reithaus in Wien von 1640 sah eine Schatzkammer im Obergeschoß vor.

9. Die Kunstdenmäler von Rheinland-Pfalz IV, 13. Stadt und Kreis Zweibrücken, 1981, 215.

10. Zu August von Voits Stallentwürfen vgl.: Kotzur, Hans Jürgen: Forschungen zum Leben und Werk des Architekten August von Voit. 2 Bde. Köln 1978, 246-248.

11. Vgl. hierzu: Weber, Wilhelm, wie Anm. 7, 279.

12. Vgl. hierzu: Traut, Friedrich, wie Anm. 4.

13. Vgl. zu Pommersfelden: Meintzschel, Joachim: Studien zu Maximilian von Welsch. Würzburg 1963, 119ff.

14. Der Briefwechsel zitiert nach Meintzschel, Joachim, wie Anm. 13, 119f.

15. Zur Marstallplanung in Eisenach vgl.: Möller, Hans Herbert: Gottfried Heinrich Krohne und die Baukunst des 18.Jahrhunderts in Thüringen. berlin 1956, 95f; Götz, Wolfgang, wie Anm. 2, 58, 60.

16. Zum Karlsberger Schloß vgl.: Weber, Wilhelm, wie Anm 7.

17. Weber, Wilhelm, wie Anm. 7, 274.

18. Zum Vergleich: Die Innenmaße der Wiener Hofreitschule - einer der größten bestehenden Reitsäle seiner Art - betragen 64 zu 25 Meter.

19. Die immer wieder auftauchenden Zahlen des Pferdebestandes im Karlsberger Marstall zwischen 1000 und 1500 beziehen sich wohl eher auf den gesamten Pferdebesitz des Herzogs, der sich auf die Stallungen in Homburg, Zweibrücken, Eichelscheid, Holzhausen, Birkhausen, Jägersburg und Pettersheim verteilte.

20. Angaben nach: Convention Nationale. Rapport fait par N.F. Blaux, Deputé du Département de la Moselle à la Convention Nationale. 1793. - Aufbewahrt im Stadtarchiv Saarlouis.

21. Vgl. zu Eisgrub: Wilhelm, Franz: Bauherr und Architekt des Reitstallgebäudes zu Eisgrub. Ein Beitrag zur Frühzeit Johann Bernhard Fischers von Erlach. In: Wiener Jahrbuch für Kunstgeschichte 7, 1930, 224-231.

22. Vgl. zu Hohenheim: Widmann, Oskar: Reinhard Ferdinand Heinrich Fischer, 1746-1812. Stuttgart 1928, 42ff.

23. Vgl. zum Turnierhaus in München: Rattelmüller, Paul Ernst: Der Marstall zu München. München 1967, 1ff.

24. Zitiert nach Rattelmüller, Paul Ernst, wie Anm. 23, 5.

25. Vgl. zu Dresden: Götz, Wolfgang, wie Anm. 2, 60f.

26. Zitiert nach Götz, Wolfgang, wie Anm. 2, 61.

27. Dieses Reithaus, das durch einen gedeckten Gang direkt mit dem Schloß verbunden ist, wurde 1713 errichtet. Mit seiner reichen Innenausstattung, die auch durch das Stichwerk Johann Adam Delsenbachs festgehalten worden ist (wie auch der Marstall von Eisgrub), steht der Bau heute in Böhmen und Mähren nicht alleine. Ebenfalls eine reich Ausschmückung besitzen die Reithäuser von Reichenau (Rychnov) oder Krumau (Cesky Krumlov).

28. Liechtenstein, Karl Eusebius: Von der Architektur. Erschienen um 1670. Abdruck bei Fleischer, Victor: Fürst Karl Eusebius von Liechtenstein als Bauherr und Kunstsammler. Wien, Leipzig 1910.

29. Bei: Weber, Wilhelm, wie Anm. 7, 273.

30. Zitiert nach Fleischer, Victor, wie Anm. 28, 140.

31. Vgl. Anm. 27

32. Vgl. zu Wien: Frieberger, Kurt: Die Spanische Hofreitschule. Wien, Augsburg 1927; Leitich, Ann Tizia: Die Spanische Reitschule in Wien. München 1956.

33. Vgl. zu Wallerstein: Horn, Adam: Ein Beitrag zum Werk des Baumeisters Paul Ulrich Trientel. In: Deutsche Kunst und Denkmalpflege 1939 (1), 22-24.

34. Abbildungen bei: Goergen, Josef: Das Hofbräuhaus Saarbrücken im alten und neuen Schloßbereich. Saarbrücken 1980.

35. Dieses und das folgende Zitat aus: Lohmeyer, Karl: Friedrich Joachim Stengel. Düsseldorf 1911. Nachdruck Saarbrücken 1982, 143ff.

36. Vor allem gegen Ende des 18.Jahrhunderts und im 19.Jahrhundert werden viele Reitbahnen reinen Theaterzwecken zugeführt, da die höfische Reiterei immer weniger gepflegt wird. Manches Reithaus wird überflüssig, es wird zum Schauspielhaus umfunktioniert. Beispiele aus Greiz, Oels, Carolath oder Dessau sind uns bekannt. Vgl. zu diesem Thema: Frenzel, Herbert A.: Brandenburg-preußische Schloßtheater. Berlin 1959; ders.: Thüringische Schloßtheater. Berlin 1965.

37. Vgl. zur Marstallplanung in München: Hederer, Oswald: Karl von Fischer. München 1964; ders.: Leo von Klenze. München 1964; Klassizismus in Bayern, Schwaben und Franken. Architekturzeichnungen 1775-1825. Ausstellungskatalog München 1980.; Carl von Fischer, 1782-1820. Ausstellungskatalog München 1982.

38. Zitiert aus: Carl von Fischer, wie Anm. 37, 84.

39. Vgl. hierzu: Piendl, Max: Der fürstliche Marstall in Regensburg. Kallmünz 1966.

40. Eine ähnliche, noch aufwendigere Reliefausschmückung besaß das ehemalige Reithaus in Dessau. Es wurde 1790/91 von Friedrich Wilhelm von Erdmannsdorf errichtet. In 22 Hochreliefs wurde die Geschichte der Reitkunst in lebensgroßen Bildern dargestellt; von der Schöpfung des Pferdes durch Poseidon erstreckte sich der Bogen der Darstellungen über mythische Begebenheiten der griechischen und römischen Antike bis hin zur Reiterei englischer Jockeys. 1923 baut man das Reithaus zum Theater um; im Zweiten Weltkrieg wird es zerstört.

41. Vgl. hierzu: Der Reitsport an den deutschen Universitäten und Hochschulen. Berlin 1927; Scheuer, Oskar Franz: Der Reitsport auf Deutschlands Hohen Schulen. Göttingen 1928.

42. Löhneysen, Georg Engelhard: Della Cavalleria. Über die Reutterei. Reutlingen 1609. Nachdruck Hildeheim 1977, 9-10.

43. Zitiert aus: Der Reitsport an den deutschen Universitäten und Hochschulen, wie Anm. 41, 50.

44. Vgl. hierzu: Zimmermann, Bernhard: Geschichte des Reitinstituts der Universität Göttingen. Göttingen 1930; Gresky, Wolfgang: Die Fassade der Göttinger Universitäts-Reithalle. In: Göttinger Jahrbuch 9, 1961, 77-86.

45. Zitiert nach: Bürkner, Felix: Ein Reiterleben. Hildesheim 1979, 25.

46. Zitiert nach: Der Reitsport an den deutschen Universitäten und Hochschulen, wie Anm. 41, 66.

47. Zur Entwicklung der Ritterkademien vgl. Conrads, Norbert: Ritterakademien der frühen Neuzeit. Göttingen 1982.

48. Zur geplanten Ritterakademie In Saarbrücken vgl. auch die weiterführende Literatur im Katalogteil von Conrads, Norbert, wie Anm. 47.

49. Angaben nach dem Bericht des Hauptmanns und Platz-Ingenieurs Ritter: Geschichte der Festung Saarlouis 1680-1845. Abschrift im Stadtarchiv Saarlouis Abt. XII/55.

50. Vgl. zu den öffentlichen Reitschulen und Hippodromen: Skalecki, Liliane, wie Anm. 2, 102-122.

51. Vgl. hierzu: Schmitt, Eduard (Bearb.): Zirkus- und Hippodromgebäude. In: Handbuch der Architektur 4.6.6., Stuttgart 1904, 103-108.